Mehrstimmigkeit – vom mehrstimmigen Singen

Singt ihr noch mehrstimmig oder schon einstimmig?

Für viele Kindergruppen ist die erste Herausforderung beim Singen eine schön klingende Einstimmigkeit hinzubekommen. Wenn ich von Mehrstimmigkeit schreibe, meine ich im Folgenden immer eine bewusste und gewollte Mehrstimmigkeit (was voraussetzt, dass einstimmiges Singen beherrscht wird).

Als Faustregel lässt sich sagen, dass mehrstimmiges Singen erst mit dem Schulalter überhaupt möglich ist. Du kennst sicher das Phänomen: jüngere Kinder halten sich beim vermeintlichen Kanon-singen die Ohren zu. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Mehrstimmigkeit im Schnitt erst ab 7 Jahren überhaupt wahrgenommen werden kann.

Ist es nun so weit, gibt es viele verschiedene Möglichkeiten sich an das mehrstimmige Singen heranzutasten, die ich dir im Folgenden ausführlich und mit Beispielen vorstellen möchte. Ich habe sie in ansteigender Schwierigkeit aufgelistet, es müssen nicht alle Varianten erfüllt werden, es bietet sich aber an, mit einem der ersten Punkte zu starten und als Ziel das Singen zweier, unabhängiger Stimmen zu planen.

Methoden zur Anbahnung mehrstimmigen Singens

  • das Gehör sensibilisieren (z.B. mit Instrumenten)
  • Grundtonsingen
  • Orgelpunkt
  • Imitation
  • Improvisation
  • Ostinato
  • Kanon
  • 2 unabhängig Stimmen

Vorstufe: das Gehör sensibilisieren

Übungen zum bewussten Hinhören sind beim Singen immer eine gute Sache. Wenn ich versuche das mehrstimmige Singen anzubahnen, nehme ich ein den Kindern sehr bekanntes Lied und lenke den Fokus auf „eine andere Stimme“. Das kann z.B. eine zweite Melodie sein, die ich auf einem Melodieinstrument spiele, während die Kinder das bekannte singen; es kann aber auch ein zur Melodie passender Klangbaustein sein oder eine Melodie während die Kinder Geräusche erzeugen. Wichtig ist, die Kinder bewusst auf die zweite, neue Komponente hinzuweisen z.B. „ihr singt das Lied, ich spiele währenddessen immer wieder einen Ton, versucht mal auf den Ton zu hören und ihn Euch zu merken“.

Audition (nach Gordon) fundiert auf diesem Hören, allerdings ohne, dass darauf der Fokus gesetzt wird. Ich lasse bei mir im Chor, wenn ich Audition mitnutzen möchte, gerne eine erste Runde ohne Fokussierung laufen und gebe dann vor der zweiten Runde die Anweisung zum bewussten Hören.

Improvisation

Mal ganz davon abgesehen, dass Improvisation für die musikalische Entwicklung von Kindern eine nicht wegzudenkende Rolle spielt, lässt sie sich – vor allem auf Geräuschebene in kleiner Gruppe – auch für die Anbahnung von Mehrstimmigkeit gut verwenden.

Geräuschimprovisationsrunden

In Gruppen von max. 10 Kindern habe ich gute Erfahrung mit Geräuschimprovisationsrunden als Einstieg gemacht. Konkret: alle sitzen / stehen im Kreis ich nehme einen imaginären Ton in die Hand und bearbeite ihn z.B. blase ich ihn auf oder ziehe ihn in die Länge, oder lasse ihn fallen, sodass er zerbricht usw. – jede Formveränderung begleite ich mit einem passenden Geräusch. Dann gebe ich meinen imaginären Ton (wie auch immer er aussieht) an meinen Nachbarn weiter, der ihn wiederum bearbeitet und weitergibt. Fällt einem Kind nichts ein, darf es den Ton auch einfach singen und weitergeben. Viele Kinder haben aber großen Spaß daran.

Wenn die Kinder etwas Übung im selbstständigen Improvisieren haben, spiele ich gerne „Zauberwald“, was in Christiane Wieblitz „Lebendiger Kinderchor“ ganz vorzüglich beschrieben wird. In diesem Zauberwald erklingen ganz viele Klänge und Geräusche gleichzeitig. Ich lasse gerne auch den Wald auf die anderen Bäume lauschen, während er klingt. So kann ein Herausfiltern bestimmter Klänge geübt werden. Dadurch, dass die Klänge frei von Rhythmus sind, ist es für unterschiedliche Level nutzbar.

Grundtonsingen

Harmonik und Tonalität eines Liedes sind meiner Meinung nach eine wichtige Wahrnehmungsgrundlage für Mehrstimmigkeit. Das Grundtonsingen ist dabei ein guter Ansatz, um die Wahrnehmung in diesem Bereich zu stärken und sich den Grundton bewusst zu machen.

Konkret: Ein Lied (möglichst eines ohne Modulation), wird immer in kleinen Stücken gesungen – je besser das Lied beherrscht wird, desto ungewöhnlicher können die Stellen der Unterbrechung sein. Zu Beginn empfehle ich immer am Phrasenende zu stoppen und den gemerkten Grundton zu singen / wiederholen.

Orgelpunkt

Ich gehe jetzt mal davon aus, dass du den Begriff Orgelpunkt kennst. Dieser Orgelpunkt lässt sich mit einem Instrument spielen, aber auch singen. Es ist wie eine Kurzform eines Ostinatos, eine Art durchgängiger Grundton und damit ideal um die Kinder eine erste Form von Mehrstimmigkeit erfahren zu lassen. Zusätzlich wird das Hören von Tonabständen / Intervallen trainiert und damit die Intonation.

Ostinato

Unter einem Ostinato versteht man ein kurzes Motiv oder eine kurze Melodie, die fortlaufend unterhalb der Liedmelodie wiederholt wird. Es ist sozusagen die komplexere Variante des Orgelpunkts und die einfachere des Kanons. Ein Ostinato wird z.B. oft zu einem Kanon gesungen, ohne, dass die Kanoneinsätze erfolgen. Also sozusagen eine Kanonzeile, die als Dauerschleife herausgegriffen wird.

Ein Ostinato hat den Vorteil, dass noch nicht ein ganzes Lied im Kanon durchgehalten werden muss, aber schon ein ähnlicher Effekt entsteht. Außerdem lässt sich für viele Kinder eine kurze Melodiezeile leichter im Ohr behalten, als ein einzelner Ton. Ich lasse in einer Kindergruppe gerne eine kleine Gruppe mit mind. 2 richtig sicheren Kindern das Ostinato singen, während ich selbst anfangs die Melodie unterstütze.

In der Praxis, lässt sich von jedem einfachen Kanon eine Zeile herausgreifen. Am Beispiel des bekannten Kanons „Bruder Jakob“ könnten dies z.B. die ersten 2 Takte „Bruder Jakob, Bruder Jakob“ sein. Diese werden jetzt fortlaufend wiederholt, während andere das Lied normal weiter singen.

Imitation

Die ursprünglichste Form von Mehrstimmigkeit ist die Imitation. In der Musikgeschichte wird das mehrstimmige Musizieren durch eine Art Überlagerung und Echo entdeckt. Erste Mehrstimmigkeit entsteht neben dem Organum, dem parallelen Mitlaufen einer zweiten Stimme in einem festgelegten Abstand zur ersten, als eine Art Imitation. Die erste Stimme singe eine Phrase, verharrt auf dem Schlusston, während eine zweite Stimme abwartet und auf dem Schlusston der ersten die Anfangsphrase imitiert. Die Form Kanon ist eine komplexe, fortgeführte Form der Imitation.

Für die erste Mehrstimmigkeit bietet sich die einfache Form der Mehrstimmigkeit gut an. Imitation lässt sich leichter Hören als komplexe Zweistimmigkeit. Ein gutes Beispiel für eine solche komponierte Imitation ist der Refrain des bekannten amerikanischen Volkslieds „This old hammer“.

Bei meinem Lied vom Meer, habe ich diese Variante bei der Einführung der Mehrstimmigkeit exemplarisch ausformuliert.

Kanon

Zum Thema Kanon muss ich, glaube ich, nicht viel sagen. Du weißt sicher, wie das Prinzip funktioniert. Auch hier gilt, suche zu Anfang einen leichteren (wenig große / schwere Sprünge und Synkopen).

2 voneinander unabhängig Stimmen

Wenn du mit den Kindern so weit gekommen bist, dass du zwei völlig unabhängige Stimmen sauber miteinander singen kannst – Hut ab! Für den ersten Versuch in eine unabhängige Zweistimmigkeit, empfehle ich zwei Stimmen, die unterschiedliche Melodieführungen haben. Es ist leichter, wenn die Stimmen in Gegenbewegung oder ganz frei voneinander verlaufen, als wenn sie z.B. in Terzen oder Sechsten parallel verlaufen. Gerne dürfen sich die Stimmen auch in der Höhe überschneiden, sodass es keine helle (hohe) und dunkle (tiefe) Stimme gibt, sondern nur zwei gleichwertige Stimmen.

Ich lerne mit den Kindern immer beide Stimmen, sozusagen parallel. Erst wenn beide Stimmen gleich sicher beherrscht werden, wage ich einen Versuch in die Zweistimmigkeit. Ich übernehme – vor allem bei kleinen Gruppen – meistens erstmal eine Stimme allein und hole dann zunehmend mehr Kinder in meine Stimme, bis ich nicht mehr gebraucht werde.

Mehrstimmigkeit – ein langer Prozess

Ich habe dir oben viele Anbahnungshilfen und Ideen zum Erlernen von Mehrstimmigkeit aufgezeigt. Ich möchte dir an dieser Stelle Mut machen. Mehrstimmig singen lernen ist ein langer Prozess, der über Jahre dauert! Es ist völlig normal, wenn es im ersten Jahr noch nicht richtig klappt – lass dich nicht entmutigen! Die Kinder werden vor Stolz platzen, wenn sie das erste Mal einen Kanon alleine (ohne Unterstützung) singen können!

Du kennst noch weitere, praxiserprobte Methoden zur Anbahnung von Mehrstimmigkeit? – ich freue mich über ergänzende Kommentare und Erfahrungsberichte!

Methoden zum Lieder lernen findest du hier.

4 Gedanken zu „Mehrstimmigkeit – vom mehrstimmigen Singen“

  1. Die ursprünglichste Form von Mehrstimmigkeit ist die Imitation? M.M.n ist die in Afrika weit vor der europäischen Kulturgeschichte praktizierte Varianten Heterophonie die ursprünglichste Form von Mehrstimmigkeit. Dabei wird eine Abweichung der Melodie gleichzeitig mit der ursprünglichen Melodie gesungen. Ist auch eines der Stilmerkmale von Gospel Musik. Ich benutze verschiedentlich Varianten Heterophonie als Stilmittel in Komposition; z.B. im Psalm der Website ab Minute 1;17 die Takte 37 und 38.

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    • Danke für den Impuls – das finde ich spannend! Du hast recht, Imitation ist vor allem in Europa ursprünglich, obwohl Call-Response ja auch in früher afrikanischer Musik eine Rolle spielt und Imitation auch im Bezug auf beispielsweise Naturgeräusche nicht wegzudenken ist.
      Ich werde mich mit Heterophonie in Ruhe beschäftigen, da mich das Thema sehr interessiert! – ich ahne aber, dass es sich nicht so ideal auf die Kinderchorpraxis anwenden lässt. Bewusst eine Linie minimal abgeändert singen ist vom gleichzeitigen Hören viel schwieriger, als einen Ton aushalten, während die anderen ein Echo singen. Ich werde aber in diese Richtung ausprobieren!

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